Wenn Kleine Grosses bewirken

Dieser Beitrag erschien ursprünglich als Kolumne im Berner Landboten vom 7. Oktober 2026.

Wer eine Katze anfährt, macht sich strafbar. Nicht, weil es falsch ist, ein Wesen zu verletzen, das Schmerz empfindet, sondern weil etwas beschädigt wurde, das einem Menschen gehört. Wenn ein Stall brennt und Tiere in den Flammen sterben, spricht man vor allem vom finanziellen Schaden des Bauern und weniger vom Leid der lebendig verbrannten Tiere. Sie werden geschützt, nicht weil wir sie als schützenswert betrachten, sondern weil sie unser Eigentum sind.

Zwar schützt die Verfassung die Würde der Tiere seit 1992, erkämpft in Jahrzehnten von Menschen, die nicht wegschauen wollten. Doch nicht-menschliche Tiere haben in Politik und Gesellschaft kaum eine Stimme. Sie können nicht abstimmen, nicht protestieren, nicht klagen. Und wo ihre Interessen auf wirtschaftliche treffen, verlieren sie – systematisch. Als 2022 die Initiative gegen Massentierhaltung an der Urne scheiterte, blieb es legal, Tiere ihr ganzes Leben lang nie den Himmel sehen zu lassen und ihnen ungenügend Platz zum Leben zu geben, sodass ein Huhn gerade mal den Platz eines A4-Blattes hatte.

Wenn sich Organisationen wie Sentience für diese Tiere einsetzen, stehen sie vor einem Goliath: ein Vielfaches an Geld und Personal, die Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs, Lobbying-Kräfte und Mehrheiten im Parlament. Doch wo die anderen Macht haben, haben wir etwas anderes: einen Tatendrang, den die Ungerechtigkeiten selbst befeuern, die Erfahrungen einer globalen Bewegung, die vieles schon vor uns erprobt hat, und eine Kreativität, die entsteht, wenn man mit wenig viel erreichen muss.

Und es wirkt. Nach jahrelangem Druck von Tierrechtsorganisationen in der Schweiz und weltweit wird die Migros ab diesem Herbst langsamer wachsende Hühnerrassen für ihre Optigal-Produkte einsetzen. Hinter dieser Entscheidung steht ein sehr reales Leiden. Schnell wachsende Rassen sind so gezüchtet, dass ihr Körper in nur 30 Tagen schneller wächst, als das Herz mithalten kann. Viele leiden unter Atemproblemen oder brechen unter ihrem eigenen Gewicht zusammen. Bei über 80 Millionen Masthühnern, die in der Schweiz jedes Jahr gehalten und getötet werden, ist das kein Detail.

Der zweite hochaktuelle Erfolg: Die Schweizerische Lauterkeitskommission hat der Trägerschaft der Plattform Werbemist, an der Sentience beteiligt ist, recht gegeben. Eine Werbung von Suisse Garantie, die bei Legehennen von «kleinen Herden» sprach, wurde als irreführend erklärt. Denn 65 % der Schweizer Legehennen leben in Gruppen mit mehr als 4’000 Tieren. Dank des breiten Medienechos hat Suisse Garantie ihren Social-Media-Post inzwischen zurückgezogen.

Diese Beispiele zeigen: öffentlicher Druck, Dialogbereitschaft und Beharrlichkeit wirken. Wir erwarten nun, dass die Migros nachzieht und ihr gesamtes Sortiment tierfreundlicher macht und dass Suisse Garantie ihre unlautere Aussage nicht mehr verbreitet. Der Druck ist da. Wir schauen hin, wir bleiben dran, wir gehen dagegen an. Denn vergessen wir nicht: David hat gewonnen.

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