Werbung verkauft Bilder, Politik braucht Fakten
Dieser Beitrag erschien ursprünglich als Kolumne im Berner Landboten vom 12. August 2026.
Kaum eine Fleischwerbung kommt ohne grüne Wiesen, weidende Tiere und idyllische Bauernhöfe aus. Werbung will schliesslich verkaufen. Sie zeigt nicht den Durchschnitt, sondern das Beste. Oder zumindest das, was wir gerne sehen möchten.
Vor wenigen Wochen musste Proviande eine Werbeaussage zurückziehen. In einer bezahlten Online-Werbung hiess es, über drei Viertel der landwirtschaftlich gehaltenen Tiere in der Schweiz hätten regelmässigen Auslauf. Die Schweizerische Lauterkeitskommission bezeichnete die Aussage als irreführend. Grundlage der Proviande-Zahl ist die Rechnungseinheit «Grossvieheinheit», bei der eine Kuh gleich zählt wie 250 Masthühner, sowie die Berechnung an einem Stichtag, wodurch die vielen Masthühner, die übers Jahr in mehreren Durchgängen gehalten und getötet werden, kaum erfasst werden. Rechnet man stattdessen nach Anzahl Tiere, und und über den ganzen Jahresbestand, haben nur rund 15 Prozent tatsächlich regelmässigen Auslauf ins Freie. Besonders bitter: Ausgerechnet die Masthühner, die den grössten Teil der über 83 Millionen jährlich geschlachteten Tiere ausmachen, verschwinden in dieser Rechnung fast vollständig – weil sie eben nur ein Zweihundertfünfzigstel einer Kuh zählen.
Es ist kein Ausrutscher. Proviande wurde bereits 2018 und 2022 von der Lauterkeitskommission wegen unlauterer Werbung gerügt. Trotzdem erhält der Verband weiterhin mehrere Millionen Franken Steuergelder jährlich, um Schweizer Fleisch zu bewerben.
Der Fall wurde durch das Projekt Werbemist öffentlich gemacht, das tierschädliche Werbung rund um Tierprodukte dokumentiert. Doch interessanter als der einzelne Entscheid ist die grundsätzliche Frage, die er aufwirft. Wie treffen wir als Gesellschaft gute politische Entscheidungen, wenn unser Bild der Realität zunehmend von Werbung geprägt wird?
Werbung soll verkaufen. Das ist ihre Aufgabe. Werbung darf zuspitzen, emotionalisieren und schöne Bilder zeigen. Entscheidend ist jedoch, dass sie dabei nicht irreführt. Denn politische Debatten funktionieren nur, wenn wir uns zumindest über die Fakten einig sind, auch wenn wir uns über die Schlussfolgerungen uneinig sind. Wer glaubt, die meisten Tiere hätten ohnehin regelmässig Auslauf, wird kaum politischen Handlungsbedarf sehen. Wer die tatsächlichen 15 Prozent kennt, kommt womöglich zu einem anderen Schluss. Der Streit um die richtige Politik darf offen sein. Der Streit um die Fakten sollte es nicht sein.
Genau hier setzt die Auslauf-Initiative an, die die Initiant:innen am 23. Juli 2026 zur Vorprüfung bei der Bundeskanzlei eingereicht hat. Sie verlangt, dass alle landwirtschaftlich gehaltenen Tiere in der Schweiz regelmässigen Auslauf ins Freie erhalten, nicht als freiwilliges Programm, sondern als verbindlichen Mindeststandard. Die Initiative korrigiert damit exakt jene Verzerrung, mit der die Proviande-Werbung operiert hat: sie zählt Tiere statt Grossvieheinheiten.
Ob die Initiative angenommen oder abgelehnt wird, entscheidet die Stimmbevölkerung. Diese Entscheidung sollte jedoch auf einer ehrlichen Sicht auf die Wirklichkeit beruhen. Denn gute politische Entscheidungen beginnen nicht mit Werbebildern, sondern mit Fakten.











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