Bienenbewusstsein

«Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.»

Bestimmt ist Ihnen dieses Zitat schon einmal begegnet. Es soll von Albert Einstein stammen, doch der hat das weder gesagt noch geschrieben. Trotzdem ist es interessant, denn das Zitat behauptet, dass wir uns um die Biene deshalb Sorgen machen sollten, weil sie wichtig für uns ist. Das Zitat zeichnet eine aufsteigende Nahrungskette: Pflanzen werden von Tieren gefressen, Tiere von Menschen. Die Rolle der Biene ist die eines Rädchens im Getriebe. Es ist nicht überraschend, dass wir die Biene so ins Bild setzen. Wir sind auf eine gesunde Umwelt und eine funktionierende Landwirtschaft angewiesen. Allerdings versteckt sich hier ein Problem, da die Weise, wie wir Tiere und Pflanzen behandeln, eine Hauptursache für die Gefährdung der Bienen ist. Der Einsatz von Insektizidien und die Bedrohung der Biodiversität machen ihnen mächtig zu schaffen.

Die Biene nur als Rädchen in einer Wertschöpfungskette zu sehen, ist auch aus Sicht von Ethik und Recht problematisch, denn dort zählt das Individuum. Bienen sind nicht nur Rädchen im Getriebe, Bestandteile eines Biotops oder Dienerinnen eines Volks. Sie sind intelligent, haben einen guten Orientierungssinnn und verfügen über ein erstaunliches Gedächtnis. Bekanntlich können sie mir ihrer Tanzsprache Informationen über Ort, Qualität und Entfernung von Nahrungsquellen mitteilen. Sie können ihre Kolleginnen warnen, sollten sich rund um eine solche Quelle alarmierende Hinweise finden, wie etwa tote Artgenossinnen. Wie immer, wenn ein Tier sich als intelligent erweist, stellt sich die Frage nach dem Bewusstsein.

Der geläufigste Indikator für Bewusstsein ist das Schmerzempfinden. Schmerzen können wir laut einer Mehrheit der Fachleute allen Wirbeltieren. Für Bienen haben wir (noch) keine stabilen Hinweise für Schmerzen und also für Bewusstsein. Das ist jedoch nicht die Schuld der Biene. Erstens fehlt uns einfach Forschung dazu und zweitens sind Schmerzen nicht der einzige Aspekt des Bewusstseins. Bewusstsein hat viele Dimensionen: Reichhaltigkeit der Wahrnehmung, Reichhaltigkeit der Empfindungen, Einheit der Erlebnisse, Strom der erlebten Zeit und Bewusstsein seiner selbst. Wir wissen von Bienen, dass sie gerne spielen. Hummeln – die auch zu den Bienen gehören – scheinen mächtigen Spass am Herumrollen von Bällen zu haben. Freude ist eine bewusste Emotionen, aber wir haben, anders als im Falle des Schmerzes, noch keine wissenschaftlichen Marker dafür. Wir wissen, dass Bienen, die aufgrund eines negativen Erlebnisses unter Stress stehen, eher zu pessimistischen Entscheidungen neigen. Das kennen wir auch von Menschen und Hunden. In diesen Fällen sagen wir, dass negative Emotionen die Entscheidungen beeinflussen. Warum sollte das nicht auch auf Bienen zutreffen?

Wir verfügen über viele Hinweise dafür, dass Bienen Bewusstsein haben. Was wir noch nicht wissen, hat weniger mit den Bienen als mit unseren beschränkten Mitteln zu tun, ihr Bewusstsein auszukundschaften. Vermutlich hat es aber auch mit unserem beschränkten Willen zu tun, es wirklich wissen zu wollen. Denn wenn Bienen Bewusstsein haben, müssen wir uns ethisch und rechtlich Gedanken darüber machen, ob es richtig ist, sie auszubeuten oder zu vergiften. Und wir müssen das Dogma bekämpfen, dass das Tierschutzgesetz primär für Wirbeltiere da ist.

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