Die Grenze zwischen Mensch und Tier wurde schon von Darwin aufgeweicht

Unsere Replik auf den NZZ-Kommentar von Daniel Gerny «Der Trend zum totalen Veganismus ist gefährlich» vom 19. Januar 2022.

In seinem Beitrag mit dem dystopisch anmutenden Titel «Der Trend zum totalen Veganismus ist gefährlich» vom 19. Januar 2022 schreibt Daniel Gerny über die aktuellen Abstimmungen zur Tierversuchsverbotsinitiative und zur baselstädtischen Primaten-Initiative und zeichnet das Bild einer düsteren Zukunft, die vor allem bei Annahme letzterer auf uns zukäme. Als Geschäftsleiter von Sentience, der Organisation hinter der Initiative «Grundrechte für Primaten», die am 13. Februar 2022 zur Abstimmung kommt, ist es mir ein Anliegen, auf die Aussagen von Herrn Gerny zu reagieren.

Zunächst möchte in den Vorwurf aufgreifen, dass «die Abstimmung über die rechtliche Sonderstellung für Primaten in Basel […] ein Testlauf» sei, um eine Debatte rund um das Thema Tierrechte in Schwung zu bringen. Dem ist nicht so. Wir Menschen sind Trockennasenprimaten. Nichtmenschliche Primaten sind uns extrem ähnlich und verfügen beispielsweise über die Fähigkeit, Pläne für die Zukunft zu schmieden. Eine frühzeitige Tötung ist bei Ihnen deshalb, ähnlich wie bei uns, ein Eingriff, der besonders schwerwiegend zu beurteilen ist. Inwiefern auch andere Tiere diese Fähigkeit besitzen, ist in keiner Weise Inhalt unserer Initiative. Dass die Abstimmung in Basel stattfindet, ist zudem eine direkte Folge der hohen Anzahl an Versuchen, welche an Primaten in dieser Region zwischen 2011 und 2020 stattgefunden haben: 1602 an der Zahl, oder mehr als die Hälfte der total knapp 2500 Primatenversuche innerhalb unserer Landesgrenzen im gleichen Zeitraum.

Herr Gerny schreibt, dass es erlaubt sein sollte, Tiere zu nutzen, wenn höher zu gewichtende menschliche Interessen auf dem Spiel stehen. Fakt ist: Die allermeisten Eingriffe in die körperliche und geistige Integrität von Tieren erfolgen nicht aufgrund höherer Interessen. Vielmehr werden vergleichsweise triviale menschliche Interessen höher gewichtet als fundamentalste Interessen auf Seiten der Tiere. Diesen Zustand wollen wir – spezifisch für nichtmenschliche Primaten – ändern. Die vorgebrachten höheren Interessen der medizinischen Forschung wären zudem durch die Primaten-Initiative nicht bedroht, da Medikamente generell kaum noch und in Basel überhaupt nicht mehr an Primaten getestet werden.

Wie Herr Gerny richtig erwähnt, wären die unmittelbaren Folgen einer Annahme der Primaten-Initiative für uns Menschen überschaubar. Wenn er von einem «drastischen Kurswechsel» schreibt und mit «drastisch» meint, dass eine Annahme ein internationales Novum wäre, dann kann ich diese Aussage natürlich unterschreiben. Genau hier liegt aber eine grosse Chance für Basel, um sich international als progressive Stadt zu positionieren, an der sich in Zukunft viele weitere Städte und Länder orientieren werden. Selbst der konservative Verleger Markus Somm sagte kürzlich während eines Interviews auf Telebasel, dass er sich gut vorstellen könnte, dass eine Forderung nach Tierrechten in fünfzig Jahren anders beurteilt werden wird, als das noch heute der Fall ist.

Eine weitere Kritik ist, dass die Schaffung spezieller Primaten-Grundrechte mit der Erkämpfung für Rechte bei Frauen oder Sklaven verglichen wird. Hierbei geht es nicht um eine Äquivalenz, sondern um den zentralen Aspekt, dass eine gesellschaftliche Ausweitung der moralischen Berücksichtigung immer gegen massiven Widerstand erkämpft werden musste. Wer bei diesen historischen Debatten die Argumente der Gegenseite analysiert, erkennt schnell, dass vergleichbare Gegenargumente zur Ausweitung von Grundrechten oft eins zu eins auch für andere Gruppen verwendet wurden. Den Status Quo zu hinterfragen ist deshalb wichtig, denn Grundrechte sind nicht nur einzuhaltende Rechte, sie widerspiegeln auch das Gesellschaftssystem und die ihm zugrundeliegenden Werte, nach welchen wir leben wollen.

Dies bringt uns zu einem weiteren, zentralen Kritikpunkt in Gernys Meinungsartikel: Primaten-Grundrechte würden die Grenze zwischen Mensch und Tier aufweichen. Tatsache ist: Die Grenze zwischen Mensch und Tier wurde spätestens durch die Forschung von Charles Darwin aufgeweicht und ist sowieso nicht trennscharf. Wir sind Tiere unter Tieren, das ist nicht abzustreiten. Die Schweizer Gesetzgebung anerkennt bereits heute die inhärente Würde von Tieren. Auch nichtmenschliche Primaten sind Personen im eigentlichen Sinne des Wortes – mit einer individuellen Persönlichkeit, mit Empathie-, Empfindungs- und Leidensfähigkeit, mit sozialen Kontakten und einem Familienverbund. Wieso sollten sie also nicht einen besonderen Schutz vor dem Gesetz erhalten, der sich lediglich auf das Recht auf Leben und das Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit beschränkt?

Herr Gerny sieht in den beiden Initiativen den «Trend zum totalen Veganismus» und unterstellt uns die «Utopie einer veganen Schweiz». Richtig ist: Sentience setzt sich für eine Schweiz ein, in der die Interessen empfindungsfähiger Tiere ein höheres Gewicht erhalten. Wie diese Schweiz aussieht, ist ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess, wie wir ihn in unserer Demokratie bei vielen Themen beobachten und auf den wir stolz sein können. Wir plädieren dafür, dass wir diesen Dialog zulassen, dass wir versuchen einander zu verstehen und gemeinsam eine gerechtere Schweiz gestalten können, in welcher die inhärente Würde von Mensch und Tier gleichermassen respektiert wird.

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