Eine verpasste Chance

Die Kampagne für die Volksinitiative gegen Massentierhaltung war engagiert und professionell, Sentience und das Kampagnen-Team haben hervorragende Arbeit geleistet. Bis zur letzten Minute und darüber hinaus. Die ausführliche und reflektierte Kampagnenauswertung ist eine optimale Grundlage für künftige Arbeit. Dafür allen ein herzliches Dankeschön!

Dennoch ist es ernst zu nehmen, dass fast zwei Drittel der Stimmberechtigten Nein gesagt haben. Dies widerspricht der oft gehörten Behauptung, dass der Tierschutz für eine Mehrheit der Bevölkerung einen hohen Stellenwert hat. Nicht erst seit dieser Abstimmung frage ich mich, ob ich die Bereitschaft zum Schutz der Tiere in der Landwirtschaft nicht auch selber überschätze.

Ein Nein wurde den Abstimmenden allerdings auch leicht gemacht. Die Schweizer Tierproduktion wird nicht erst seit der Initiative systematisch schöngeredet und -gerechnet. Realitätsferne Vorstellungen, woher das Fleisch auf dem Teller stammt, werden durch Werbebilder geschürt und durch irreführende Informationen der Bundesverwaltung stabilisiert.

Mit realitätsfernen Vorstellungen allein lässt sich die geringe Zustimmung allerdings noch nicht erklären. So wurde die Vorlage von Personen, die sich links verorten, klar angenommen und von Personen, die sich rechts verorten, klar abgelehnt. Dies erinnert an ein Diktum des Dichters Paul Valéry: «La même idée venant de toi ou de moi provoque ma contradiction ou mon assentiment.»

Fragwürdige Rolle des Bauernverbandes

Ein weiterer Grund für die deutliche Ablehnung ist, dass es dem Schweizer Bauernverband gelungen ist, die Volksinitiative fälschlicherweise als schädlich für die Schweizer Landwirtschaft darzustellen und die Bauern entsprechend zu mobilisieren, obwohl die meisten von ihnen nicht negativ betroffen gewesen wären.

Die industrielle Tierproduktion ist vor allem im Interesse der vor- und nachgelagerten Industrien. Diese profitieren von einer Massenproduktion zu vergünstigten Preisen, nicht die Bäuerinnen und Bauern. Der Bauernverband verfolgt unter der Führung seines Präsidenten Markus Ritter eine Politik, die der Schweizer Landwirtschaft schadet.

Die Volksinitiative gegen Massentierhaltung wäre eine Chance für die Schweizer Landwirtschaft gewesen, um mit einer standortangepassten Produktion ernst zu machen. Auf über 90 Prozent der Betriebe gibt es tatsächlich keine Massentierhaltung mit Hunderten und Tausenden von Tieren, und wegen der Übergangsfrist von 25 Jahren hätten alle die Möglichkeit gehabt, sich anzupassen.

Fazit

Die Mehrheit der Tiere, die wir essen – vor allem Schweine und Geflügel, von denen rund drei Viertel der Schweizer Fleischproduktion stammen –, leben unter Bedingungen, die ihre Würde und ihr Wohlergehen nicht sichern. Die Ausgangslage für einen besseren Tierschutz ist allerdings herausfordernd:

  • mit einer Agrarpolitik, die die Tierproduktion direkt und indirekt fördert;
  • mit dem Bund, der dem Schweizer Bauernverband und den Tierproduktionsverbänden Jahr für Jahr Millionen von Steuergeldern für beschönigende Werbung zur Verfügung stellt;
  • mit den vor- und nachgelagerten Industrien, die von einer billigen Massenproduktion profitieren;
  • mit den tierlastigen Essgewohnheiten der Schweizer Bevölkerung, die sich nicht über Nacht ändern.

Massentierhaltung ist klar nicht im Interesse einer Schweizer Landwirtschaft, die den Anspruch hat, Qualität zu produzieren. Zur Qualität gehört eine Tierhaltung, die sich wahrhaft von der global verbreiteten industriellen Tierproduktion abhebt. Ich bin überzeugt: Wenn gezeigt werden kann, dass mehr Tierschutz auch im Interesse einer glaubwürdigen Schweizer Landwirtschaft ist, dann lassen sich mehr als 37 Prozent der Stimmbevölkerung gewinnen.

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