Das Masthuhn als Massenprodukt

Frohe Ostern!

Ostern ist vorbei und damit einer der Höhepunkte der jährlichen Eier- und Pouletproduktion. Kurz vor Ostern werden die Bestände an Legehennen massiv aufgestockt, um die rund 20% mehr Eier zu produzieren, die Herr und Frau Schweizer in dieser Zeit konsumieren. Im Anschluss werden die überzähligen Hennen teilweise «ausgestallt», also getötet, oder die Eier werden mittels einer sogenannten «Aufschlagaktion» vom Markt genommen. Der Bund zahlt dabei für jedes aufgeschlagene Ei 9 Rappen. Letztes Jahr wurden im Rahmen der Aufschlagaktion nach Ostern 6,8 Millionen Eier verarbeitet, in der zweiten Aktion im Sommer erneut gut 10 Millionen. Das kostete die steuerzahlende Bevölkerung 1,5 Millionen Franken.

Dies ist nur einer von diversen erschreckenden, teilweise absurden Mechanismen, die versinnbildlichen, wie industrialisiert, globalisiert und konzentriert der ganze «Markt ums Huhn» mittlerweile geworden ist. Wir kennen die Bilder der Pouletfabriken, in denen den Tieren – fast alles sogenannte Hybride, die durch das Kreuzen verschiedener Zuchtlinien besonders rentabel sind – kaum mehr als eine DIN-A4 grosse Fläche zur Verfügung steht. In der Schweiz gibt es eine Höchstbestandesregelung von 18’000 Tieren pro Betrieb – allerdings nur für Masthühner, die mehr als 42 Masttage alt werden. Erfolgt die Schlachtung vor dem 28. Tag, sind 27’000 Tiere erlaubt.

Moderne Hybridsorten werden bei Standardmast schon nach 21 Tagen zu Mistkratzerli. Nach 32 Tagen Mast eignen sich die Vögel zum Verkauf als ganzes Poulet. Masthybriden zeichnen sich durch sehr viel höhere und schnellere Gewichtszunahmen aus als herkömmliche Rassen oder Legehybriden. Die Hähnchenmast von Legehybriden zum Beispiel würde für das gleiche Mastendgewicht mehr als die doppelte Mastdauer und doppelt so viel Futter benötigen. Bei fast allen Tieren kommt es zum Mastende hin zu Skelettverkrümmungen und Schäden im Kniegelenksbereich, sodass keine normale Beinstellung mehr möglich ist. Jedes zehnte Tier kann nicht mehr stehen oder gehen.

What about Swissness?

Eine entscheidende Frage lautet hier: Was ist ein Schweizer Poulet? «In der Schweiz hergestellt» kann auch ein chinesisches Poulet aus US-Zucht sein, sofern es in der Schweiz «bearbeitet» wurde. Dazu genügt schon, wenn das Fleisch hier mariniert wird. Und selbst, wenn die Masthühner in der Schweiz geboren werden: Die beiden marktbeherrschenden Systembetriebe SEG (Vertragsbetriebe von Coop) und Optigal (das Pendant der Migros) beziehen alle Elterntiere aus dem Ausland. Sie werden als frisch geschlüpfte Küken in bis zu 48 Stunden dauernden Transporten in die Schweiz importiert und legen dann die Eier, aus denen die «Endprodukte» schlüpfen.

Die Zweinutzungshybriden, die in gewissen Werbungen erscheinen und aktuell für viel Aufmerksamkeit sorgen, stellen bisher ein Nischenprodukt dar: Ihre Leistung ist nicht hoch genug und ihre Dimensionen passen nicht in die Installationen der Schlachthäuser, weil sie nicht so gross und fett wie die Masthybriden werden. Auch ohne Exklusivvertrag wären die Produzent*innen abhängig von den Grosskonzernen oder Patentbesitzer*innen. Die Leistungsfähigkeit der Hybriden wird nicht vererbt. Die Mastbetriebe können die Jungtiere nicht selber nachziehen, sofern sie die gleiche Leistung behalten wollen, sondern müssen sie immer von Neuem kaufen. Wir kennen das bereits vom Hybrid-Saatgut.

Rentabilität als einziges Kriterium

Vor zehn Jahren hat ein*e Schweizer*in durchschnittlich neun Kilogramm Hühnerfleisch pro Jahr konsumiert – heute sind es zwölf. Inzwischen gibt es in der Schweiz konstant mehr Hühner als Menschen. Und der Hunger nach Eiern und Geflügel nimmt weiter zu. Als Konsequenz der Globalisierung beherrschen zwei Firmen die Genetik von drei Vierteln allen Mastgeflügels weltweit. Das bringt Abhängigkeit für den Produzenten und grosses Tierleid auf Seiten der Qualzucht-Hühner. Ein Huhn aus der Fabrik kostet heute kaum noch etwas. Pouletfleisch gibts bereits für einen Franken pro 100 Gramm. Geflügel ist inzwischen billiger als frisches Gemüse aus der Region.

Die Abkehr von dieser spezialisierten und industriellen Produktion wird nur durch einen kompletten Paradigmenwechsel möglich sein: weg vom Effizienzdenken, hin zu einer Betrachtungsweise des Huhns als Tier mit vitalen Interessen und Bedürfnissen. Als Menschen, die je länger je besser über die Empfindungsfähigkeit und die Bedürfnisse dieser Tiere Bescheid wissen, ist es unsere Pflicht, diesen bestmöglich Rechnung zu tragen. Eine starke Reduktion der Hühnerbestände, länger lebende Rassen, Tiere auf der Weide und damit einhergehend eine starke Reduktion des Poulet- und Eierkonsums tut dringend not, wenn wir aus diesem industriellen Tierqualsystem aussteigen wollen.

Die Bereitschaft, für mehr Tierwohl mehr zu zahlen und Tierwohl und Transparenz vermehrt zu fordern war noch nie so gross wie aktuell – lasst uns dieses Momentum nutzen, sodass Dank intensiver Aufklärung und Information bereits nächstes Jahr weniger Legehennen zu Ostern sinnlos ihr Leben lassen müssen.

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