Das Fleisch der Zukunft

Die Fleischindustrie steht vor einem radikalen Wandel – gesellschaftliche Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit und Tierwohl und technologische Fortschritte öffnen die Tür für eine Zukunft, in der unser Fleisch bald nicht mehr in einem Stall heranwächst.

Im vergangenen November hat der Bundesrat seine Strategie Nachhaltige Entwicklung in die Vernehmlassung geschickt. Dabei hat er als eines seiner Schwerpunktthemen den nachhaltigen Konsum identifiziert. Ein Teilziel: die Transformation des Ernährungssystems.

Bei einer Diskussion des Ernährungssystems kommt man bei Fragen der Nachhaltigkeit nicht um die Rolle von Fleisch herum. Gleichzeitig gibt es nur wenige Themen, bei denen die Wogen höher schlagen – Fleischkonsum polarisiert. Genau deshalb ist eine faktenbasierte Analyse der Thematik so wichtig.

Fakt ist: Unser Fleischkonsum ist viel zu hoch. Mit mehr als 50 Kilogramm pro Person und Jahr konsumieren Schweizer*innen doppelt soviel Fleisch, wie es vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen empfohlen wird. Das hat nicht nur Konsequenzen für unsere Gesundheit. In der Schweiz ist der Konsum tierischer Produkte für über 30% der Umwelteinflüsse verantwortlich.

Was also tun – sind Vegi-Schnitzel die Lösung? Der Markt für pflanzliche Fleischalternativen wächst hierzulande bereits seit einiger Zeit. Start-ups wie «Planted» oder die neue Migros-Sparte «V-Love» bringen Fleischprodukte auf Pflanzenbasis vielen Konsument*innen näher und beweisen, dass man auch als Flexitarier*in oder Vegetarier*in nicht auf guten Geschmack verzichten muss.

Eine noch grössere Chance für einen nachhaltigen Wandel der Fleischindustrie sehen viele Expert*innen im sogenannten «Clean Meat». Im Gegensatz zur konventionellen Methode der Fleischproduktion – mit Zucht, Fütterung und Schlachtung lebender Tiere – wird für die Herstellung von kultiviertem Fleisch eine Zellprobe verwendet, um in einer kontrollierten Umgebung Gewebe wachsen zu lassen. Dabei werden biotechnologische Methoden angewendet, die auch in der medizinischen Forschung und/oder bei Organtransplantationen verwendet werden.

Das Resultat: Echtes Fleisch, das 99% weniger Land benötigt, bis zu 96% weniger Wasser verbraucht und bis zu 96% weniger Treibhausgasemissionen verursacht als das Äquivalent aus konventioneller Produktion. Doch das ist nicht alles: Der grösste Vorteil von kultiviertem Fleisch ist ethischer Natur. Während der Herstellung müssen nämlich keinerlei Tiere getötet werden. Abhängig von Methode und genutztem Zelltypus könnte eine einzelne «Mutterzelle» theoretisch den jährlichen, globalen Bedarf an Fleischprodukten liefern, bevor sie ersetzt werden müsste. Ein enormer Schritt weg von der Massentierhaltung, die auch hierzulande immer weiter voranschreitet und für welche in der Schweiz jährlich mehr als 70 Millionen Nutztiere geschlachtet werden.

Verschiedene Studien belegen, dass gezüchtetes Fleisch dem herkömmlichen auch in weiteren Bereichen überlegen ist. Da kultiviertes Fleisch in einem sterilen und streng kontrollierten Umfeld hergestellt wird, ist es für uns Menschen sicherer als die konventionelle Produktion – das Risiko zoonotischer Infektionen wird gänzlich vermieden, Antibiotika finden sich im Endprodukt keine.

Ist das alles zu gut, um wahr zu sein?

Für die Marktfähigkeit gilt es noch einige Hürden zu überspringen. Allem voran: der Preis. Das Schweizer Unternehmen Mirai Foods kommunizierte vergangenes Jahr, dass es innerhalb von fünf Jahren mit aktuellen Fleischpreisen konkurrieren möchte – aktuell kostet ein Kilo «Clean Meat» allerdings noch so viel wie ein Kleinwagen. In Singapur ist man bereits etwas weiter. Dort kann man in einem ausgewählten Restaurant bereits heute «Clean Meat»-Chicken-Nuggets bestellen, die vom amerikanischen Tech-Start-up «Eat Just» hergestellt worden sind.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Schweiz? Als reiches Land haben wir die Möglichkeit, im Bereich der technologisierten, nachhaltigen Fleischproduktion eine internationale Vorreiterrolle einzunehmen. Die Umstellung auf kultiviertes Fleisch spart nicht nur Ressourcen, sie schont auch das Klima und dient dem Tierwohl – das sollte gefördert werden. Es liegt an der Politik, attraktive Bedingungen zu schaffen. Gleichzeitig müssen wir ein öffentliches Bewusstsein über die Vorteile von kultiviertem Fleisch schaffen – mit transparentem Dialog und mit Einbezug von Landwirtschaft, Detailhandel und Konsument*innen. Für eine Ernährungweise, die nicht nur von der gesamten Gesellschaft unterstützt wird, sondern bei welcher wir auch gemeinsam auf eine bessere Zukunft für Umwelt, Tiere und uns selbst hinarbeiten können.

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